Die wichtigste Regel in der PMU-Farblehre lautet: Wähle Pigmente primär nach Hautunterton und erwarteter Abheilverschiebung, nicht nach dem Farbton auf der Palette. Prüfe dabei jede Charge und die Herstellerangaben gegen die aktuellen REACH- und BfR-Vorgaben. Diese Richtschnur funktioniert bei Augenbrauen, Lidstrich und Lippen gleich; nur die Feinjustierung unterscheidet sich.
Kurz gesagt:
- Pigmente sollten nach Hautunterton und erwarteter Abheilverschiebung gewählt werden, nicht nach Palettenfarbe.
- Das Temperaturgefühl der Pigmente ist entscheidender als die Bezeichnung auf der Flasche, wobei grundlegende Farbtheorie nur begrenzt hilfreich ist.
- Hauteigenschaften, Lichtquelle und Hautdurchblutung beeinflussen, wie Farben wahrgenommen werden, weswegen Testproben unter verschiedenen Bedingungen notwendig sind.
- EU-weite Beschränkungen seit 2022 reglementieren Chemikalien in Pigmenten, weshalb Chargennummern, Warnhinweise und Sicherheitsdatenblätter stets geprüft werden sollten.
- Für Augenbrauen, Lidstrich und Lippen ist eine differenzierte Farbanpassung notwendig, wobei Korrekturen mit Komplementärfarben nur nach vollständiger Abheilung erfolgen sollten.
Inhaltsverzeichnis
Farbkreis, Farbtemperatur und Mischverhältnisse für PMU
Vergiss die Kunstschule-Version des Farbkreises. Für PMU zählt nur: Primärfarben (Rot, Gelb, Blau) ergeben Sekundärfarben (Orange, Grün, Violett), und die wiederum ergeben die Tertiärtöne, mit denen du eigentlich arbeitest, also Rotbraun, Olivgrau, Taupe. Entscheidend ist die Temperatur, nicht der Name auf dem Fläschchen.
Bei Augenbrauen gilt: Kühle, aschige Haartöne brauchen meist einen Hauch mehr Rot oder Orange in der Mischung, sonst heilt das Pigment grau oder sogar leicht bläulich aus. Warme, goldene Brauntöne vertragen mehr Gelbanteil, sonst wirkt das Ergebnis schnell zu rötlich. Bei Lippen ist Gelb dein wichtigstes Steuerelement: zu wenig davon, und der natürliche Blauanteil der Lippenhaut drückt durch.
Ein paar Praxisfaustregeln, die sich im Studio bewährt haben:
- Für aschige Brauen: Basiston plus 10 bis 15 % warmes Rotbraun zum Ausgleich.
- Für olivfarbene Haut: Grauanteil reduzieren, stattdessen leicht wärmere Nuance wählen.
- Für sehr helle, rosige Haut: Vorsicht mit Rotpigmenten, sie verstärken vorhandene Rötung zusätzlich.
- Bei Lippen mit starkem Blaustich: Gelbanteil der Mischung um ein Viertel erhöhen.
Diese Verhältnisse sind Ausgangspunkte, keine Formel mit Garantie. Jede Haut reagiert ein bisschen anders, das lernt man nur durch Hinsehen und Dokumentieren.
Hautunterton, Lichtquelle und die Psychologie der Farbwahrnehmung
Oberflächenton und Unterton sind zwei verschiedene Dinge, und genau da passieren die meisten Anfängerfehler. Der Oberflächenton ist das, was du beim ersten Blick siehst. Der Unterton (kühl, warm, neutral oder oliv) bestimmt, wie das Pigment nach Monaten tatsächlich aussieht. Fitzpatrick-Skalen helfen bei der Einschätzung von Sonnenempfindlichkeit, sagen aber wenig über den Unterton aus, zwei Menschen mit Fitzpatrick-Typ III können völlig unterschiedliche Untertöne haben.
Kommt noch das Licht dazu: Tageslicht, Studiolampe und das warme Licht zuhause lassen dieselbe Mischung unterschiedlich wirken. Farbwahrnehmung ist letztlich ein Produkt des Gehirns, nicht nur der Pigmentchemie, das, was auf der Palette liegt, ist nicht das, was nach Einlagerung in der Dermis erscheint, wie eine Übersichtsarbeit zur Farbwahrnehmung in tätowierter Haut beschreibt. Auch Durchblutung spielt mit: durchblutungsreiche Areale lassen Farben wärmer und kräftiger wirken als blasse Zonen.
Feste Studio-Checks helfen gegen Überraschungen:
- Probepunkt am Handgelenk oder direkt an der Behandlungszone setzen und unter zwei Lichtquellen fotografieren.
- Fotos immer im selben Winkel, mit und ohne Blitz, für die Akte dokumentieren.
Pigmenttypen, Inhaltsstoffe und regulatorische Prüfungen
Vier Pigmentfamilien dominieren den PMU-Markt, und jede hat ihre eigene Logik. Eisenoxide sind mineralisch, stabil gegenüber UV-Licht und gelten als vergleichsweise hautfreundlich, Laboruntersuchungen zu Eisenoxiden zeigen aber auch, dass sie bei späterer Laserbehandlung unerwartet dunkel reagieren können. Organische Pigmente liefern kräftigere, sattere Farben, stehen laut einer Analyse von PMU-Produkten aber häufiger im Zusammenhang mit Kontaktdermatitis, die Studie fand unter fast tausend untersuchten Produkten zehn Pigmente mit entsprechender Verbindung. Ruß (Carbon Black) sorgt für tiefes Schwarz, neigt aber zu Blaustich beim Abheilen. Titandioxid hellt auf, wird aber in reiner Form selten verwendet, meist nur als Beimischung.

Seit dem 4. Januar 2022 greifen in der EU strengere Grenzwerte für gefährliche Chemikalien in Tätowier- und PMU-Farben, die REACH-Beschränkung in Eintrag 75 betrifft tausende Stoffe, Pigmente wie Blue 15:3 und Green 7 hatten eine Übergangsfrist bis Anfang 2023. ECHA fasst zusammen, welche Höchstkonzentrationen und Kennzeichnungspflichten seitdem gelten. Das BfR empfiehlt zusätzlich eine Analyse über fünf Chargen hinweg, um Reinheit und Photostabilität realistisch einschätzen zu können.
Dein Prüfablauf im Studio sollte feststehen:
- Chargennummer auf dem Etikett mit dem Sicherheitsdatenblatt abgleichen.
- Produkt im EU-Safety-Gate-Portal auf Rückrufe oder Warnungen prüfen.
- Sicherheitsdatenblatt auf CMR-Stoffe und Höchstwerte durchsehen, bevor die Flasche geöffnet wird.
Farbwahl für Augenbrauen, Lidstrich und Lippen im Detail
Jede Zone verhält sich anders, weil Hautdicke, Durchblutung und Feuchtigkeit unterschiedlich sind.
- Augenbrauen: Hier zählt die Nadelwahl fast so sehr wie die Farbe, wie im Praxisartikel zu Häufige Fehler bei Betäubungsmitteln im PMU beschrieben. Feine Nadelkonfigurationen für Hairstrokes setzen Pigment flacher ab, kräftigere Nadeln für Schattierung brauchen eine Spur weniger Sättigung, sonst wirkt das Ergebnis nach dem Abheilen zu dunkel. Die Mischung sollte sich am natürlichen Haarton orientieren, nicht am gewünschten Make-up-Look.
- Lidstrich: Hier ist Zurückhaltung Programm. Das Risiko, dass Pigment ins umliegende Gewebe einwandert (Migration), ist an dieser dünnen Haut höher. Kühle, eher gedeckte Grau- und Brauntöne bewegen sich sicherer als intensive Schwarztöne mit hohem Rußanteil.
- Lippen: Die Lippenhaut ist feucht, stark durchblutet und heilt anders ab als Brauenhaut. Zu viel Rotanteil kann nach dem Abheilen unnatürlich knallig wirken, zu viel Gelb lässt den natürlichen Blaustich durchscheinen. Die Balance zwischen beiden entscheidet über ein Ergebnis, das wie die eigene, nur definiertere Lippe aussieht.
Neutralisation und Farbkorrektur: Wie du Farbstiche vermeidest
Komplementärfarben sind dein wichtigstes Korrekturwerkzeug. Grünstich in alten Augenbrauen? Ein warmes Rotbraun gleicht aus. Bläuliche Lippenkonturen? Orange- oder Pfirsichtöne neutralisieren. Gräuliche Lidstriche? Ein Hauch warmes Braun hilft.
Timing ist hier die zweite Stellschraube: Korrekturen funktionieren besser als eigenständige Sitzung nach vollständiger Abheilung, nicht als spontane Nachbesserung in der Nachbehandlung. Die Haut muss erst zeigen, wie sie das Pigment tatsächlich verarbeitet hat.
Ein Warnsignal, das viele übersehen: Laserentfernung auf eisenoxidhaltigen Pigmenten kann unerwünschte Farbumschläge auslösen, etwa ein plötzliches Dunkelwerden, ältere Fallserien zu Laser-Reaktionen auf Eisenoxiden dokumentieren das deutlich.
- Grünstich: warmes Rotbraun einarbeiten.
- Blaustich: Orange- oder Pfirsichton wählen.
- Grauer Lidstrich: leichten Braunanteil ergänzen.
Profi-Tipp: Teste jede Korrekturfarbe erst auf einer kleinen Fläche, bevor du die ganze Zone überarbeitest, Farbumschläge zeigen sich oft erst nach Wochen.
Mischen, Verdünnen und Nadelwahl in der Praxis
Dokumentation ist hier keine Bürokratie, sondern Schutz für dich und die Kundin. Charge, Mischverhältnis und verwendete Nadel gehören in jede Akte, sonst lässt sich ein unerwartetes Abheilergebnis später nicht mehr erklären.
- Testpunkt setzen und fotografieren, bevor du mit der eigentlichen Fläche startest.
- Verdünnung bewusst wählen: Eine leichte Verdünnung mit geeigneter Lösung hellt die Abheilfarbe auf und reduziert das Risiko einer zu dunklen Linie, besonders bei dünner Haut.
- Nadelbreite und Druck abstimmen: Breitere Nadelkonfigurationen bei geringem Druck verteilen Pigment flächiger, feine Nadeln mit mehr Druck setzen es tiefer, was die spätere Farbintensität deutlich verändert.
Profi-Tipp: Notiere dir nach jeder Behandlung, wie die Mischung nach vier Wochen tatsächlich ausgeheilt ist, dein eigenes Archiv schlägt jede Faustregel aus dem Lehrbuch.
Wie NINON Kosmetik Akademie Farblehre in der Ausbildung vermittelt
PMU-Farblehre erfolgt nicht nur theoretisch. Die Ausbildung erfolgt mit einem Mix aus Online-Theorie und Präsenzpraxis, inklusive Testpunkten und Abheilfotos. In der Ausbildung üben Teilnehmende Farbkorrektur an Fallbeispielen und schließen mit einer praktischen Prüfung ab. Für Details zu Technik und Nadelwahl lohnt sich auch ein Blick in den Technik-Überblick zu PMU-Verfahren.
— Selin Arowolo
Was bei der Farbtheorie wirklich zählt, und was überschätzt wird
Die meisten Farbkurse, die ich kenne, verkaufen Farbkreise wie Zaubertricks. Stimmt aber so nicht. Der Farbkreis ist ein Werkzeug, mehr nicht, die eigentliche Arbeit passiert beim genauen Hinsehen: Wie reagiert diese eine Haut, unter diesem Licht, auf diese Mischung? Wer glaubt, eine fertige Formel für “olivfarbene Haut” würde reichen, wird irgendwann von einer Kundin überrascht, deren Haut sich einfach nicht an die Tabelle hält.
Was ich für überschätzt halte: die Fixierung auf Markennamen und fertige Paletten. Was unterschätzt wird: Dokumentation. Wer nicht aufschreibt, welche Charge, welches Mischverhältnis, welche Nadel verwendet wurde, kann aus eigenen Fehlern nicht lernen, sondern wiederholt sie nur mit neuer Farbe.
Meine Priorität für jeden, der hier anfängt: Erst den Prüfablauf gegen REACH und BfR verinnerlichen, dann erst an der Feinabstimmung der Farbtöne feilen. Rechtssicherheit ist die Grundlage, Farbtheorie ist die Kür darauf.
PMU-Farblehre lernen: Was unsere Ausbildung dir mitgibt
Farbtheorie liest man nicht nur, man übt sie an der Haut, mit Feedback, das über Wochen zurückkommt. Genau das steckt in unserer Permanent-Make-up-Ausbildung: Modul zu Pigmentchemie und Mischverhältnissen, praktische Fallarbeit mit Dokumentation, Abschlusszertifikat.

Die Basis- und Intensiv-Ausbildung werden hybrid angeboten, mit Online-Theorie und Präsenzpraxis, und sind als AZAV-zertifizierte Weiterbildung grundsätzlich förderfähig. Wer schon an der Nadel steht und nur die Farblehre vertiefen will, findet in der Intensiv-Variante mehr Übungszeit an echten Fallbeispielen. Alle Details und die aktuellen Termine findest du auf der Kursseite für Permanent Make-up.
Quellen
Empfehlungen